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    Tychero, Greece. © Jan Bosch

  • Tychero border police station, Evros, Greece - December 2010 In one of the cells of Tychero border police station in the region of Evros, migrants are obliged to sleep on the floor next to the toilets. The border police station of Tychero with a capacity to hold 45 people, right now has more than 140 detainees. MSF has started an emergency intervention in Evros for the provision of medical and humanitarian assistance to migrants and asylum seekers detained in appalling living and hygiene conditions in detention facilities. Kostenlose Verwendung nur nach Genehmigung durch und im Zusammenhang mit Berichterstattung über Ärzte ohne Grenzen. Keine Archivierung, keine Weiterverbreitung. Nennen Sie den Urheber wie angegeben ohne weitere Zusätze: Julia Kourafa © Jan Bosch

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    Tychero, Greece. © Jan Bosch

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    Athen, Greece. © Jan Bosch

Festung Europa

Seine gesamten Habseligkeiten trägt er mit sich, verstaut in einer blauen Papiertüte. Raian aus Bangladesch ist einer von Zehntausenden, die jedes Jahr ohne gültige Papiere über die türkisch-griechische Grenze kommen. Um nach Europa zu gelangen. Ins gelobte Land. So unterschiedlich ihre Herkunftsländer, so unterschiedlich sind die Gründe ihrer Flucht. Derzeit kommen die meisten aus Afghanistan, Somalia oder dem Irak. Sie fliehen vor Krieg und Verfolgung oder sind einfach auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Auch Raian sagt, dass Europa seine einzige Perspektive ist. In stockendem Englisch erklärt er, dass er Arbeit finden will, in England. „Dort leben viele meiner Landsleute.“ Doch das Paradies Europa hat geschlossen. Und an seiner Pforte geht es ruppig zu. Raians erste europäische Station war das Haftlager von Feres. Erst heute Morgen ist er entlassen worden. Über das, was er dort erlebt hat, will er nicht sprechen. Fragt man nach, hebt er nur abwehrend die Hände.

Die Flüchtlinge sind nach den Erlebnissen im Lager oft total verstört“, erklärt Spyratos Thanasis die Reaktion Raians. Thanasis, ein Mann mit dichtem schwarzen Haar und wachen Augen, koordiniert vor Ort den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen. Die Ärzte und Psychologen der Hilfsorganisation gehören zu den ganz wenigen unabhängigen Beobachtern, die überhaupt Zugang zu den Zellen haben. [pull_quote_left]“Guantánamo, Guantánamo“[/pull_quote_left]Journalisten dürfen dort nicht hinein. Sie können die Lager in Fylakio, Soufli, Tychero und Feres nur von außen betrachten. Auch das Fotografieren ist ohne Sondergenehmigung verboten. Aus dem Zellentrakt von Fylakio schallt es „Guantánamo, Guantánamo“, wenn man dort vorbeigeht. Arme recken sich durch die Gitterstäbe ins Freie, halten Pappschilder hoch, auf denen mit Zahnpasta geschrieben „Help“ (Hilfe) steht. Was die Ärzte drinnen sehen, wenn sie Decken verteilen und Kranke behandeln, nennt Thanasis „unmenschlich“. Alle Lager sind total überbelegt. Am besten sieht es noch in Fylakio aus, dem einzigen Haftlager, das als solches konzipiert wurde. Dort sind momentan 570 statt der vorgesehenen 350 Insassen. Die anderen Lager sind eigentlich Polizeistationen. Ihre Kapazität wird häufig um ein Vielfaches überschritten. Die Polizeistation von Tychero ist für 45 Menschen ausgelegt, aber 160 quetschen sich dort zusammen.

Die Ärzte berichten von defekten Heizungen bei Minustemperaturen und von kaputten Toiletten, die die Zellen mit Exkrementen überfluten. „Männer, Frauen und Kinder müssen dicht gedrängt teilweise in Gemeinschaftszellen auf vor Dreck starrenden Matratzen schlafen“, erzählt Thanasis. „Manchmal reicht der Platz kaum für alle zum Hinlegen.“ Bei der Verteilung des Essens gilt das Recht des Stärkeren, die Aufseher trauen sich gar nicht in die Zellen. Ungeziefer verbreitet sich in dieser Enge schnell. Krankheiten, vor allem Erkältungen, grassieren.[pull_quote_right]Ihr einziges Verbrechen ist der Wunsch nach einem besseren Leben.[/pull_quote_right] „Da die Zellen nie gereinigt werden, bekommen viele auch Hautausschläge“, berichtet Thanasis und wettert: „Wer anderswo seine Hunde auf vergleichbar engem Raum halten würde, der bekäme Ärger mit der Polizei. Hier müssen das viele Menschen monatelang ertragen. Ihr einziges Verbrechen ist der Wunsch nach einem besseren Leben.“ Thanasis ist mit seiner harschen Kritik nicht allein. Erst Ende Januar hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Griechenland hart gerügt. „Die Flüchtlinge erhalten während der Haft keinerlei Informationen, es gibt keine Dolmetscher. Die Entgegennahme von Asylanträgen wird systematisch behindert“, schimpft die Athener Rechtsanwältin Katerina Tsapopoulou. Auch Raian wurde festgenommen, kaum dass er griechischen Boden betrat.

Vielleicht von Frank. Der kommt aus Berlin, ist Mitte 30 und als Polizeibeamter Teil des deutschen Frontex-Kontingents, der europäischen Grenzschutzbehörde. Frank sitzt am Steuer des grünen Geländewagens der Bundespolizei, der sich an diesem grauen Wintertag über eine schlammige Piste unweit des militärischen Sperrgebietes entlang des Grenzflusses Evros kämpft. Mit im Auto sitzen ein Niederländer und ein Grieche, man verständigt sich auf Englisch. Die Grenzschützer von Frontex sollen verhindern, dass die Raians dieser Welt überhaupt durch den Spalt dieses Grenzflusses ins Paradies schlüpfen können. Stolz führt Frank seine Wärmebildkamera vor. Damit kann er nachts Flüchtlinge manchmal schon auf der türkischen Seite des Flusses entdecken und sie dann vertreiben. Wer es schon auf EU-Gebiet geschafft hat, wird in ein Lager gebracht. Morgen geht es für Frank und seine Kollegen wieder zurück nach Hause, nach vier Monaten ist der Einsatz mit dem Codenamen „Rabit“ beendet. Offiziell gilt der Einsatz als Erfolg, und eine eigene Einschätzung will Frank nicht abgeben.

Nur ein anderer deutscher Polizist, der seinen Namen nicht genannt sehen will, lässt im persönlichen Gespräch Zweifel anklingen. Die Zustände in den Lagern seien bekannt. „Wer selbst Kinder zu Hause hat, den überkommt schon mal ein mulmiges Gefühl, wenn er eine Familie aufgreift und in diese Lager überführt. Für manche Kollegen ist das eine ganz schöne Belastung.“ [pull_quote_left]Tausende Menschen tauchen unter[/pull_quote_left]Er sei froh, dass es jetzt wieder nach Deutschland gehe, sagt er und packt weiter Sachen ins Auto. Auch für Raian geht die Reise weiter. Bleiben darf er nicht. In seinem Registrierungsschreiben der Polizei steht, dass er Griechenland binnen 30 Tagen verlassen muss. Nach England fahren dürfte er eigentlich auch nicht. Reisen Flüchtlinge mit einem solchen Bescheid in ein anderes europäisches Land, droht ihnen aufgrund der Dublin-II-Verordnung die Rückführung nach Griechenland. Zu Tausenden tauchen die Menschen deshalb in Griechenland unter, überleben als Obdachlose oder bei ausbeuterischen Arbeitgebern, immer in Furcht vor erneuter Verhaftung oder rechtsradikalen Schlägern.

Allerdings haben angesichts der menschenrechtlichen Bedenken sechs EU-Staaten, darunter Großbritannien und Deutschland, die Rück-Abschiebungen nach Griechenland momentan ausgesetzt.